2003

Heißausbildung im Düsseldorfer Brandhaus in Hubbelrath 1/2003

Extremausbildung im Brandhaus
Meerbusch, November 2003
Um einer heiße Erfahrung reicher wurde so mancher von 18 Meerbuscher Feuerwehrmännern, die an einer Übung unter realen Bedingungen im Brandhaus der Düsseldorfer Feuerwehr teilnahmen. Als sog. Gegenleistung für das Anliefern von sauberem Brennholz wurde diese Übung ermöglicht. In einem 1-1/2-geschossigen Gebäude werden Paletten in Brand gesetzt, wodurch Temperaturen oberhalb 200 °C incl. Rauchentwicklung erzeugt werden, d.h. reale Bedingungen wie bei einem Keller- oder Zimmerbrand. Nach einem Rundgang zur Orientierung und Wärmegewöhnung wird noch der richtige Umgang mit einem Hohlstrahlrohr geübt. Danach beginnt die eigentliche Rettungs- und Löschübung in 3er Trupps. Weil der beim Löschen entstandene Wasserdampf gelegentlich durch die Schutzausrüstung drang, musste so mancher Teilnehmer schon nach 5 Minuten fluchtartig das Gebäude verlassen und seine Hände in einem eigens bereitstehendem Bottich kühlen. Resonanz: Übung bei Allen gut angekommen, man kennt seine Belastungsgrenzen jetzt besser etc. etc.
 
Nachfolgend ein Erfahrungsbericht von Lothar Weddewer
Erfahrungsbericht "Heißausbildung im Brandhaus"

Inhaltsverzeichnis:
1 Einleitung
2 Die Organisation und Anreise
3 Einführung und Ausrüstung
4 Die Wärmegewöhnung
5 Wir warten
6 Die Angriffsübung
7 Der letzte Einsatz
8 Rückfahrt und aufrüsten des Geräts
9 Meine persönlichen Eindrücke und Anmerkungen
9.1 Die persönliche Schutzausrüstung
9.2 Unterwiesene Einsatztaktik und Einsatzmittel
9.3 Die Durchführung
9.4 Ist Heißausbildung sinnvoll?

 

1 Einleitung
Heißausbildung! Ein Wort das ich inzwischen schon mehrfach gehört hatte. Es war trotzdem unerwartet, als wir von unserem stv. LGF Christian Morsek vor einigen Wochen die erste Mail bekamen. Er teilte uns mit, dass einige Kameraden der FF Meerbusch die Gelegenheit bekommen würden, eine Heißausbildung im Brandhaus der Feuerwehr Düsseldorf zu machen. Nicht wenig wurde darüber diskutiert! Welche Vorteile oder welche Nachteile hat eine solche Ausbildung? Welche Risiken sind damit verbunden? Ich hatte bereits vor einiger Zeit einen Ausbildungsfilm über das Brandhaus der Düsseldorfer Feuerwehr gesehen und glaubte zumindest eine gewisse Vorstellung, wie das Thema aussehen würde. Schließlich kam die Information wie viel Kameraden der Löschgruppe teilnehmen sollten. Zwei von den einzelnen Löschgruppen und drei von den Löschzügen. Das Los musste entscheiden und war einer der beiden Glücken. An dieser Stelle möchte ich noch einmal die Gelegenheit war nehmen, und mich auch im Namen der Kameraden bei Johann Huber bedanken, der uns die Gelegenheit verschafft hat, an dieser Ausbildung im Brandhaus in Düsseldorf teilnehmen zu können.

 

2 Die Organisation und Anreise
Pünktlich kurz nach 9:00 Uhr erscheinen wir, Thomas Waldor, Christian Morsek und ich, als Teilnehmer der LG Ossum-Bösinghoven bei der Hauptwache. Es werden noch die letzten Materialien auf den GW-N verladen, zwei Kisten Wasser, eine Klappbox mit Kleinigkeiten zum Essen und ein Karton mit Hollandtüchern. Als schließlich fast alle Kameraden eingetroffen sind, gibt Johann noch einmal die letzten Informationen. Er erzählt, dass neben uns am heutigen Tag noch eine Gruppe der Freiwilligen Feuerwehr Düsseldorf im Brandhaus üben wird. Zusätzlich sagt er, dass die Nackenleder an den Helmen für die Schulung durch Hollandtücher ausgetauscht werden müssen, weil diese für die Übung Pflicht sind. Einen Atemzug später erstickt er aber jegliche Hoffung auf neue Ausrüstung indem er feststellt, dass die Hollandtücher nach der Übung wieder abgegeben werden müssen. Sein letzter Tipp ist, dass jeder vor der eigentlichen Übung versuchen soll, eine Flasche Wasser zu trinken, um den Wasserverlust etwas auszugleichen. Christian, Thomas und ich besetzen, gemeinsam mit noch ein paar anderen Kameraden das LF der Hauptwache. Christian übernimmt die Aufgabe des Maschinisten. Schließlich setzen wir uns in Bewegung. Dank der neuen Brücke der A44 verläuft die Fahrt völlig problemlos. Gut eine halbe Stunde später erreichen wir die Kaserne in Düsseldorf, auf dessen Gelände das Brandhaus steht. Die Kameraden der FF Düsseldorf sind schon vor Ort und voll mit der Vorbereitung der Übung beschäftigt. Nach dem die Fahrzeuge mehr oder weniger ordentlich geparkt sind, sammelten wir uns und unsere drei Ausbilder stellen sich vor. An dieser Stelle möge man mir verzeihen, aber dank meines schlechten Namensgedächtnis muss ich bei den Namen der Kameraden passen. Nach kurzer Diskussion wird entschieden, statt der ursprünglich geplanten zwei Gruppen drei Gruppen gebildet. Das kommt insbesondere den Kameraden entgegen, die schon zu Beginn ankündigen, früher wieder zurückfahren müssen. Sie bilden die erste Gruppe und sollen am Ende mit dem MTF vorzeitig abfahren. Wir, Thomas, Christian und ich, gesellen uns zur dritten Gruppe. Christian, der eigentlich nur mitgekommen ist, um die Übung zu beobachten, bekommt dank der Bildung dreier Gruppen die Gelegenheit, auch aktiv an der Übung teilzunehmen. Hat sich nun doch seine Hoffnung erfüllt, und er hat seine Einsatzkleidung nicht umsonst mitgenommen.

 

3 Einführung und Ausrüstung
Als erstes wird von unserem Ausbilder, einem Engländer aus Mönchengladbach, eine kurze Einführung in den Ablauf des Tages gegeben. Dann stellt er die Frage, wer noch an keinen heißen Innenangriff im Rahmen eines Einsatzes teilgenommen hat. Neben Thomas und mir melden sich noch ein oder zwei weitere Kameraden. Sein letzter Hinweis betrifft einen Kübel Wasser, der unten am Brandhaus steht. In diesem können sich Kameraden die Hände abkühlen. Dies kann dann notwendig werden, wenn die Nomex®-Handschuhe1 „durchschlagen“, sprich einen Teil Ihrer Hitzeschutzwirkung verlieren. Dies ist wohl bei Übungen in der Vergangenheit schon vorkommen. Richtig! Christian, unser Berufsfeuerwehrmann aus Köln, hat bereits mehrfach in der Vergangenheit davon erzählt. Das schlimme soll daran sein, dass dies plötzlich und ohne Vorwarnung passiert. Schöne Aussichten! Dann geht es daran, sich auszurüsten. Der Hakengurt bleibt im LF. Plötzlich entsteht etwas durcheinander. Es sind zwar prinzipiell genug Pressluftatmer vorhanden. Bei einem Teil davon handelt es sich allerdings um neue Langzeit PA. Die sollen eigentlich nicht für Übungszwecke eingesetzt werden. Zunächst werden die beiden ersten Gruppen mit den auf den beiden LF vorhandenen normalen PA ausgerüstet. Trotzdem fehlen noch ein paar Geräte. Nach kurzer Diskussion wird durch Johann dann entschieden, dass die Kameraden, die in der dritten Gruppen noch keine PA's haben, die Langzeit PA nehmen sollen. Schließlich sollen Sie nicht unverrichteter Dinge wieder zurückfahren müssen. So haben Thomas, Christian und ich nun zusätzlich noch die unerwartete Gelegenheit, mit den neuen Langzeit PA zu üben.

 

4 Die Wärmegewöhnung
Nach dem jeder sich am GW-N mit persönlicher Schutzausrüstung und PA ausgerüstet hat geht es den Weg runter zum Brandhaus. Der Empfehlung Johanns folgend, nehmen wir eine Kiste Wasser mit. Die Anlage selber befindet sich in einer größeren Vertiefung, die etwa 3 bis 4 Meter tiefer liegt als das umliegende Gelände. Wenn man den Weg hinuntergeht, liegt das Brandhaus auf der linken Seite des Geländes. Auf der rechten Seite liegen neben einer Flash-Over-Simulationsanlage noch weitere Gebäude. Das Brandhaus selber wirkt auf den ersten Blick relativ kein. Mit kaum dreieinhalb Meter Höhe und einer Grundfläche von vielleicht vier mal vier Meter ist es deutlich keiner als ein normales Einfamilienhaus. Gerade voraus, mit der Rückseite in Richtung Brandhaus, steht eine LF16/12 der Feuerwehr Düsseldorf. Es wird während der Übung die Aufgabe der Wasserversorgung übernehmen. Nach dem wir unten angekommen sind, heißt es erst einmal warten. Die Kameraden der Düsseldorfer FF sind noch bei der Wärmegewöhnung und als dritte Gruppe sollen wir als letztes an die Reihe kommen. Schließlich ist es soweit und es heißt sich ausrüsten. Uns gegenseitig helfend legen wir die Ausrüstung an. Die neuen Langzeit PA sind definitiv etwas schwerer als unsere alten Geräte. Dafür ist das Tragegestell deutlich besser. Wie sich im Laufe des Tages noch herausstellen wird, gleicht der bessere Tragekomfort das höhere Gewicht deutlich wieder aus. Das Anlegen des Hollandtuches ist ungewohnt. Am Ende kontrolliert unser Ausbilder jeden einzeln und gab noch einige Tipps. Zusätzlich erteilt er noch einmal konkrete Anweisungen, wie wir uns verhalten sollen. Unverständlich macht er klar, dass man sich melden melden soll, sobald man nicht mehr kann. Es sollen keine „Helden“ geschaffen werden, sondern vernünftige Feuerwehrmänner ausgebildet werden. Unser Ausbilder kündigt an, uns regelmäßig ansprechen und, sollte nicht jeder sofort darauf reagieren, sofort die Übung abzubrechen. Als letztes legen wir uns noch die Ponchos der Feuerwehr Düsseldorf über, um die Geräte vor einer starken Verschmutzung zu schützen. Bei den neuen PA die wir tragen, mit Sicherheit keine schlechte Idee.
Es geht im Gänsemarsch auf die Rückseite des Brandhauses. Dort befindet sich eine Metalltür. Durch diese Tür geht es, einer hinter dem anderen in gebückter Haltung, hinein. Es wird dunkel, als sich die Tür unter uns schließt. Der Eingang selber, kaum breiter als die Tür, macht nach vielleicht einem Meter einen 90° Knick nach rechts und führte in den „Flur“, der sich über die gesamte Bereite des Hauses erstreckt. Unser Ausbilder erteilt uns die Anweisung uns kniend links und rechts an der Wand zu verteilen. Nach einem kurzen Durcheinander hat jeder seinen Platz gefunden. Als nächstes kommt von vorne der Tipp, die Sichtscheibe der Maske mit der Rückseite des Handschuhs zu säubern. Endlich kann ich wieder etwas sehen. Langsam gewöhnen sich auch meine Augen an das gedämpfte Licht. Ich erkenne am Ende des Flurs links einen Durchgang, aus dem ein leichter roter Schein leuchtet. Dann kommt die Anweisung: „Vorwärts und links und rechts an der Wand verteilen“. Ich komme als Vierter oder Fünfter an den Durchgang. Es wird hell. Und es wird Heiß!!! Ich platziere mich als dritter an der Wand links. Das linke Bein voraus in Richtung des Feuers gestreckt, das rechte Bein unter mir an gewinkelt. Jetzt endlich finde ich Zeit, mir einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Der Raum selber hat eine ungefähr quadratische Grundfläche mit einer Seitenlänge von vielleicht zwei Metern. Die Höhe des Raums dürfte deutlich weniger als 2 Meter betragen. In der linken hinteren Ecke brennt das Feuer. Ein Holzhaufen, der zu Beginn vielleicht noch knapp einen Meter hat und nur aus brennendem Holz und roter Glut besteht. Die Flammen schlagen bis unter die Decke. Inzwischen haben sich auch die restlichen Kameraden an den rechten Wand platziert. Der Ausbilder selber kniet sich, mit dem Hohlstrahlrohr in den Händen, direkt im Türdurchgang. Zum ersten Mal kommt die Nachfrage, ob es uns allen gut geht. Jeder gibt sein positives Feedback und die Vorführung beginnt. Mit zwei, drei kurzen Stößen Wassern unter die Decke drückt Ausbilder etwas die Temperatur. Es ist immer noch fast unerträglich heiß. Die Hitzestrahlung ist durch alle Teile der Nomex®-Schutzausrüstung zu spüren. Die Hände und Beine werden besonders warm. Der Ausbilder zeigt uns noch mal, wie man die Teile Schutzkleidung aufschüttelt, so dass die Temperatur unter der Kleidung wieder etwas sinkt. Ich spüre am rechten Knie einen stechenden Schmerz! Nein ich spüre ihn erst jetzt nicht. Er tritt erst jetzt richtig voll in mein Bewusstsein. Ich weiß, dass ich mich an der Stelle wohl verbrannt habe. Ich veränderte meine Position etwas, die Spannung des Nomex®-Stoffes lässt nach. Der konkrete Hitzeschmerz klingt ab und weicht einem dumpfen Nachklingen. Ich überlege, ob ich aufstehen und den Raum verlassen soll, entscheide mich aber erst einmal dagegen, da dass jetzt sowieso nichts mehr ändern würde. Unser Ausbilder hat sich inzwischen auf seinen Hinteren gesetzt und durchlüftet wieder seine Hose. Eine gute Idee. Mein linkes Bein ist wieder höllisch heiß. Ich lockere nach einander den Stoff des linken Bein und der Arme durch und die Hitze lässt etwas nach. Ich drehe meine Hände nach unten, weil meine Handrücken heiß werden. Wieder kommt die Frage, ob es noch allen gut geht.
Links wird es hektisch. Daniel, der sich ganz links an der Wand platziert hat, sagt so etwas wie, „Meine Sachen schlagen durch“, steht auf und geht zügig raus. Mir kommt wieder der dumpfe Schmerz an meinem rechten Bein ins Bewusstsein und ich überlege noch einmal, ob ich nicht auch aufstehen soll. Da kommt auch schon die Anweisung, „Aufstehen und raus“. Alle setzen sich in Bewegung und es geht zügig durch den Flur hinaus ins Freie. Mein rechtes Knie schmerzt immer noch leicht. Ansonsten geht es mir aber gut. Aber ehrlich: „Scheiße, war das heiß!!“.

 

5 Wir warten
Vor dem Brandhaus legen wir erst einmal die Ponchos ab. Die werden schon von Kameraden der FF Düsseldorf erwartet, da Sie mit dem zweiten Durchgang der Übung, dem Innenangriff, beginnen wollen. In lockerer Formation geht es dann hinüber zum hinten links stehenden Pritschenwagen, wo wir unsere Ausrüstung ablegen. Christian und ich gehen hoch zum LF, um unsere Arbeitsjacken zu holen. Ich nehme noch meinen Rucksack mit hinunter. Bevor ich jedoch die Arbeitsjacke richtig angezogen habe, kommt von Johann die Empfehlung, die Einsatzjacke an zu behalten. Das soll besser sein wegen der Erkältung. So nehme ich mir nur mein Handtuch aus meinem Rucksack und trockene mir Gesicht und Haare. Die Wasserflaschen machen die Runde. Christian und ich werfen einen kurzen Blick auf das LF16 der Düsseldorfer. Danach geht es zurück zum Pritschenwagen. Inzwischen wurde der Inhalt der Klappbox untersucht. Der Inhalt besteht aus Prinzenrollen, Schoko-Riegeln und Bananen. Der ein oder andere greift zu. Die Zeit wird langsam lang. Selbst in der dicken Schutzausrüstung wird es langsam kühl. Es scheint nicht so recht zu klappen bei der eingesetzten Gruppe! Das erregt unsere Aufmerksamkeit und wir beobachten jetzt intensiver die Übung. Und wirklich, die Kameraden machen nacheinander Fehler, bei denen sogar unser Ausbilder voller Unverständnis den Kopf schüttelt. Das ein oder andere mal steigen gleich Meterweise riesige Wasserdampfssäulen über dem Brandhaus auf. Man könnte wirklich glauben, die wollen sich selber kochen. Das dabei entstehende Durcheinander führt mit dazu, dass die einzelnen Angriffsübungen lange nicht so zügig ablaufen, wie dies wohl von den Ausbildern erhofft wurde. Hinzu kommt, dass die Zahl der übenden Kameraden einfach zu groß ist. Das geht nun auch bei den Ausbildern an die Substanz, da Sie ja jedes mal mit in das Brandhaus hineingehen. Außerdem scheint dass Brandhaus durch das ständige nachfeuern mit Holz und die löschtechnischen Fehler der eingesetzten Gruppe inzwischen extrem heiß geworden zu sein. Das ein oder andere Mal bricht ein Angriffstrupp unverrichteter Dinge ab oder eine einzelner Feuerwehrmann kommt eilig aus dem Haus gestürmt, wirft die Nomex®-Handschuhe von sich und kühlt seine Hände in dem Wasserkübel vorm Brandhaus. Die Art und der Umfang der Fehler, die gemacht werden, hat auch die Ausbilder nervös gemacht. Unser Ausbilder nimmt uns zur Seite und spricht noch einmal sehr genau die Angriffstaktik, die Vorgehensweise und sicherheitskritische Punkte durch. Es wird umgeplant! Die Meerbuscher Kameraden sollen die Angriffstrupps mit jeweils drei Kameraden bilden. Schließlich stellen die Ausbilder noch auf ein rotierendes System um, so dass auch der einzelne Ausbilder etwas mehr Zeit gewinnt, um zwischen zwei Einsätzen etwas zu verschnaufen. Die Dreiergruppen werden gebildet. Thomas. Christian und ich bilden einen Trupps der Gruppe 3. Wir wollen als Letzte gehen. Die Kameraden kommen nun doch zum Ende. Ein Ausbilder kommt zu uns. Wir sollen für den nächstenen Angriffstrupp die Schlauchführung übernehmen. Christian und ich rüsten uns mit Helm und Handschuhen aus und gehen zur Treppe. Dieser Durchgang läuft eigentlich ganz gut. Christian sagt mir noch, dass nun natürlich die Handschuhe nass werden und die Gefahr größer wird, dass sie durchschlagen.

 

6 Die Angriffsübung
Der erste Angriffstrupp der Meerbuscher rüstet sich aus und geht vor. Wir haben noch einen Augenblick Pause. Dank der Umstellung auf Dreiertrupps geht es allerdings deutlich schneller. Auch jetzt kommt ein oder zweimal ein Kamerad heraus und kühlt seine Hände. Im Ganzen läuft es jetzt aber deutlich flüssiger. Kurze Zeit später kommt der Befehl uns auszurüsten. Diesmal klappt das Anlegen der Ausrüstung deutlich schneller als beim ersten mal. Wir sind fertig und gehen nach vorne. Unser Ausbilder überprüft noch einmal ob Hollandtuch und Flammschutzhaube ordentlich sitzen. Diesmal gibt es nichts nachzubessern. Wir ziehen die Ponchos über. Doch bevor es hinein geht sollen wir noch einmal den Rettungstrupp stellen. Wir gehen also auf die rechte Seite des Hauses und setzen uns auf die dort stehenden Stühle. Christian nimmt das dort liegenden Hohlstrahlrohr und wirft einen Wasserstoß auf die Rettungstür. Das Wasser verdampft auf der kompletten Tür sofort. Innen muss es immer noch unerträglich heiß sein. Der jetzt ins Haus vorrückende Angriffstrupp arbeitet schnell und effektiv, so das wir ein oder zwei Minuten später schon an der Reihe sind.
Wir gehen zur Treppe und legen uns gegenseitig die Lungenautomaten an. Nach kurzer Diskussion steht die Aufteilung fest! Christian bildet den Angriffstruppführer und nimmt ein Funksprechgerät. Thomas nimmt das Hohlstrahlrohr. Und ich gehe als dritter Mann. Thomas soll in der Mitte gehen, Christian links und ich rechts. Wir erreichen das obere Ende der Treppe und manchen von dem kleinen Balkon hat. Thomas testet noch einmal das Strahlrohr. Dann hält er einen kurzen Sprühstrahl auf die Tür. Die ganze Tür dampft schlagartig von oben bis unten. Drinnen muss es höllisch heiß sein! Christian geht rechts und Thomas geht links auf den Balkon. Ich bleibe noch auf der Treppe stehen. Christian zieht die Tür auf und Thomas geht einen Schritt vor. Er macht den ersten Wasserstoß, dann den zweiten und schließlich den Dritten. Thomas ist immer noch nicht weit genug in die Tür hineingegangen! Alle drei Wasserstöße gehen fast in die gleiche Richtung nach links. Egal! Christian schließt die Tür und wir warten noch einen Augenblick.. Inzwischen ist unser Ausbilder hinter uns. Dann reißt Christian die Tür auf und wir gehen rein. Thomas als erster in die Mitte, ich direkt dahinter nach rechts und Christian hinter mir nach links. Das linke Bein gestreckt voraus und auf dem rechten Bein kniend arbeite ich mich voran. Die Maske beschlägt sofort und ich sehe nichts mehr. Ich wische mit mit dem Handrücken über das Visier. Die Tür fällt zu und es wird dunkel. Ich wische wieder, aber sehe trotzdem nicht mehr. Es ist schlicht und einfach stockdunkel. Und nahezu unerträglich heiß! Ich krieche weiter nach rechts und erreiche mit der Hand die Wand. Ich fasse nach links und berühre Thomas, oder wer immer auch dort ist. Christian fragt, wie es uns geht. Thomas antwortet. Dann antworte ich. Wohl etwas zu laut, denn als Rückmeldung kommt prompt von Christian: „Du brauchst nicht so zu schreien!“. Ich sehe immer noch nichts. Wir kriechen langsam voran. Es wird heiß in der Schutzausrüstung. Ich halte meine Hände so gut wie möglich unten, um sie von der größten Hitze zu schützen. Christian gibt über Funk eine Rückmeldung. Plötzlich sehe ich rechts einen Schein. Ist dort ein Loch? Ich wische mit über mein Visier. Nein, es ist der Schein der Taschenlampe unseres Ausbilders, der sich unter uns befindet. Vielleicht hätten wir doch Taschenlampen mitnehmen sollen!? Was macht eigentlich mein Knie? Es ist immer noch der dumpfe Schmerz, den ich schon den ganzen Nachmittag gespürt habe. Wir kriechen weiter voran. Christian fragt: „Wo ist die Treppe?“ Einen Augenblick herrscht etwas Verwirrung, dann haben wir die Richtung; rechts hinten. Thomas kriecht voran, Christian folgt ihm und ich bilde den Schluss. Es wird immer heißer in den Sachen. In der Ecke angekommen setze ich mich hin und stoße dabei mit meinem Helm irgendwo an. Dann sitze ich und rutsche auf die nächste Treppenstufe. Mein PA setzt irgendwo auf. Ich muss etwas auf das Ding achten. Es geht nicht weiter. Christian sitzt von mir und gibt eine Rückmeldung über Funk. Und mir wird immer heißer. Kann er das nicht machen, wenn wir unten im Flur sind? Endlich geht es weiter! Ich rutsche Stufe für Stufe die Treppe runter und schiebe mich schließlich hinter Thomas und Christian nach hinten und knie mich hin. Ich höre Daniel hinter mir. Er bildet wohl den zweiten Rettungstrupp. Autsch!! Mein kleiner Finger an der linken Hand wird plötzlich viel heißer als der Rest. Bevor ich richtig nachgedacht habe, sagte ich: „Mein Handschuh schlägt durch!“ Vorn vorne kommt: „Dann raus hier!“ Bin ich mir wirklich sicher, das der Handschuh durch schlägt? Dann kommt es auch von hinter mir: „Komm raus!“ Das ist Daniel. Ich stehe auf und gehe raus. Weg mit den Handschuhen, umgehend zu Wasserkübel und rein mit den Händen. Das tut wirklich gut! Ich schau mir meine Hände an. Etwas gerötet aber sonst nichts zu sehen! Sollte ich vielleicht über reagiert haben? Anderseits merke ich immer noch den brennenden Schmerz an meinen kleinen Finger. Egal. Nur warum ist eigentlich niemand von den Ausbildern gekommen und hat sich nach meinem Wohlbefinden erkundigt? Mein Blick schweift umher. Und wirklich, alle scheinen voll mit etwas anderem oder mit sich selber beschäftigt zu sein. Ich blicke entlang des Brandhauses, sehe meine Handschuhe und gehe zurück, um sie zu holen. Nach dem ich sie aufgenommen habe, versuche ich sie an den Hacken meiner Jacke zu hängen. Geht leider nicht, da der Ponchos den Hacken verdeckt. Ich gehe wieder zur Treppe und höre auch schon „Feuer aus“ von links. Inzwischen sind Thomas und Christian wieder auf dem Rückzug! Einen Augenblick später öffnet sich die Tür und die beiden erscheinen mit unserem Ausbilder im Schlepptau auf der Treppe.

 

7 Der letzte Einsatz
Wir sammeln uns am Fuß der Treppe und gehen zum Pritschenwagen, wo wir beginnen, die Ausrüstung abzulegen. Einen Augenblick später kommt einer der Ausbilder und sagt uns, dass wir noch einmal den Rettungstrupp stellen sollen. Christian geht vor und ich kommen einen Augenblick später nach. Als ich links vom Brandhaus ankomme, sitzt Christian schon auf einem der Stühle. Ich setze ich mich auf den zweiten Stuhl. Ein kurzer Blick auf das Manometer sagt mir, dass ich noch über 190 Bar Druck auf den Flaschen habe. Kurz entschlossen schraube ich den Automaten wieder auf die Maske. Natürlich kommt von links: „Du weist ja, dass man das eigentlich nicht allein macht! Aber wie ich sehe, hast du ja keine Probleme!“ Wieder spielt Christian mit dem Hohlstrahlrohr. Der Wasserstoß, der einen Augenblick später auf die Eisentür trifft, ist Sekundenbuchteile später bereits völlig verdampft. Thomas hat sich inzwischen auch zu uns gesellt. Zwei oder drei Minuten später ist auch schon alles vorbei. Es kommt die Meldung von vorne: „Feuer aus! Der Angriffstrupp zieht sich zurück.“ Ich gehe vor und mache die Nottür auf. Sofort schlägt mir die Hitze entgegen. Das Feuer in der hinteren Ecke brennt immer noch lichterloh. Thomas, Christian und ich gehen zum letzten mal in Richtung Pritschenwagen. Das Ausziehen des Ponchos ist immer noch mühsam. Nach abschrauben des Lungenautomaten und ablegen der Maske rieche ich erst richtig, wie sehr die Ausrüstung nach Feuer und Brand stickt.

 

8 Rückfahrt und aufrüsten des Geräts
Jetzt wird es irgendwie hektisch. Das MTF ist bereits weg. Der Rest der Kameraden steht am GW-N und sortieren die Ausrüstung ein. Ich gebe den Langzeit PA und die Maske ab. Nicht ohne vorher meine Maskenbrille herauszunehmen. Fünf Minuten später fährt der GW-N los. Das erste LF wird besetzt, um einen Augenblick später los zu fahren. Christian besetzt als Maschinist wieder das zweite LF. Aber Pech gehabt. Wir müssen warten, bis die Düsseldorfer ihr Materials verladen haben. Schließlich kommen aber auch wir los. Die Rückfahrt verläuft genauso ereignislos wie die Hinfahrt. Einzig beim schon am Morgen benutzen Schleichweg wird es diesmal eng, denn uns kommen zwei Wagen entgegen. An der Wache angekommen setzt Christian das LF neben den schon parkenden GW-N. Gemeinsam geht es nun daran, die PA's wieder in Schuss zu bringen. Also ein PA geschnappt und runter in die Atemschutzwerkstatt. Irgendwie doch eng mit so vielen Kameraden. Aber wieso eigentlich viele Kameraden? Die Hälfte ist wegen Zeitmangel doch schon nicht mehr da.

 

9 Meine persönlichen Eindrücke und Anmerkungen
9.1 Die persönliche Schutzausrüstung
Ohne Zweifel ist unsere persönliche Schutzausrüstung gut. Sie lässt schließlich Einsatztaktiken zu, die noch vor einiger Zeit nicht denkbar waren. Trotzdem ist sie noch nicht perfekt. Während die Körperpartien um Gesicht und Hals mit dem Einsatz des Hollandtuches genauso wie der Rumpf selber sehr gut geschützt sind, haben sich vor allem der Schutz für Hände und Knie als Schwachstellen herausgestellt. Die Schutzwirkung der Hose an den Knien stellt sich immer dann als kritisch dar, wenn sich der Stoff zu sehr spannt. Dann wird schlagartig die Schutzwirkung herabgesetzt und es erfolgt eine starke Hitzeeinwirkung auf das Knie. Leider lässt sich dass nicht immer verhindern. Die zweite und auf Grund der Häufung des Auftreten vermutlich größere Schwachstelle stellen die Nomex®-Handschuhe dar. Sie schützen im Prinzip schon sehr gut. Nur leider geben sie dann doch irgendwann auf und dann verlieren sie sehr schnell an Schutzwirkung. Dies geschieht sehr plötzlich, so dass im normalen Einsatz unter Umständen keine Zeit bleibt, sich geordnet aus dem Gefahrenbereich zurück zu ziehen. Das macht diese Schwachstelle sehr gefährlich, da der Feuerwehrmann praktisch keine Vorwarnzeit hat. Letztendlich bleibt als Ergebnis für die persönliche Schutzausrüstung, das ein sehr hohen Stand erreicht worden ist. Nichts desto trotz gibt es spezielle Punkte, bei denen es noch korrekten Handlungsbedarf gibt. Auch sei die Frage erlaubt, warum die Hollandtücher, wenn sie schon vorhanden sind, nicht auch im Einsatz zur Verfügung stehen.

 

9.2 Unterwiesene Einsatztaktik und Einsatzmittel
Die vorgeführte Einsatztaktik und das primäre Einsatzmittel Hohlstrahlrohr waren aufeinander und auf das betrachtete Einsatzszenario, den Innenangriff abgestimmt. Der Inhalt wurde durch die einzelnen Übungen verständlich und auch spürbar rübergebracht. Leider ist an dieser Stelle zu sagen, dass die gewonnene Erfahrung nur teilweise umgesetzt werden kann, da die LG, wie die anderen kleinen Einheiten der Feuerwehr Meerbusch, zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht mit Hohlstrahlrohren ausgerüstet ist.

 

9.3 Die Durchführung
Beim ersten mal kann halt nicht alles klappen. Und das vor der Abfahrt vergessen wurde, zu prüfen, welche PA auf den GW-N verladen waren, hat im Endeffekt nicht die Qualität der Ausbildung beeinträchtigt. Die mitgenommene Verpflegung war für die Länge des Tages vielleicht doch etwas knapp. Da die Dauer der Veranstaltung sich im Vorfeld allerdings nicht so genau planen lies, kann man hierfür wohl wirklich niemandem einen Vorwurf machen. Im Laufe des Tages hat sich allerdings herausgestellt, dass von den Ausbildern der Zeitbedarf deutlich unterschätzt wurde. Die Anzahl von vielleicht 35 bis 40 Kameraden war für eine optimale Durchführung der Übung einfach zu groß. Die halbe Zahl wäre vermutlich auch schon genug gewesen. Gerade beim zweiten Teil, der Einsatzübung, war zu erkennen, dass die schlichte Anzahl an Durchgängen auch bei den Ausbildern erheblich an die Substanz ging. Dies bedeutete gerade bei den letzten Durchgängen ein erhöhtes Gefahrenpotential für alle Beteiligten, was gerade bei Übungen, die den Einzelnen bis an die persönliche Grenzen bringt, eigentlich vermieden werden sollte. Einen Punkt den ich persönlich vermisst habe, war eine gründliche Nachbesprechung und Manöverkritik. Ein Feedback zur Übung hätte vielleicht noch helfen können. Aus Fehlern kann man schließlich nur lernen, wenn einem gesagt wird, was man falsch gemacht hat. Ich gehe allerdings davon aus, dass dieser vermutlich schon vorgesehene Teil der allgemeinen Hektik und Erschöpfung zum Opfer fiel, die am Ende dann doch um sich griff.

 

9.4 Ist Heißausbildung sinnvoll?
Bleibt zum Schluss noch die Frage, halte ich eine solche Heißausbildung für sinnvoll? Ich persönlich kann nur sagen, dass ich persönlich sehr viel von der Veranstaltung mitgenommen habe. Für mich war es das erste Mal, dass ich in dieser extremen Form mit Feuer in Berührung gekommen bin. Zweifelsohne ist es wichtig, dass man diese Erfahrung in einer doch sehr kontrollierten Form macht, auch wenn bei der konkreten Durchführung gerade dieser Punkt nicht immer als optimal erfüllt bezeichnet werden kann. Diese Extrem-Erfahrung lässt einen persönlich vermutlich die nächste Einsatzsituation, die mit hoher Wahrscheinlichkeit lange nicht dieses Ausmaß annehmen wird, deutlich besser einschätzen und bewältigen.

FF Meerbusch - LG Ossum-Bösinghoven 30.11.2003
Erfahrungsbericht "Heißausbildung im Brandhaus"

Verfasser: Lothar Weddewer